Brauchen wir neue Männer?
Mit ihrem Männermanifest haben die Autoren um Sven Lehmann ganz schön Furore gemacht. Sie fordern darin die Gleichberechtigung vollständig auf beide Geschlechter anzuwenden und erklären, dass Feminismus nicht gegen die Männer funktioniert, sondern nur mit ihnen. Sie fordern die Teilung von Macht und Verantwortung. Und in der Tat, wenn Frauen aus den klassischen Rollenmustern ausbrechen sollen, dann muss dies auch den Männern zugestanden werden. Ihre Thesen werden im Grünen NRW Blog heftig diskutiert und kritisiert. Alle kritischen und teilweise beschimpfenden Kommentare hier wiedergeben zu wollen, würde den Rahmen deutlich sprengen. Lest daher bitte auf der Seite selbst nach. Ich versuche hier die Kritik in einige zentrale Punkte zusammen zu fassen:
1. Es wird behauptet, dass das Männermanifest die Geschlechterrollen zementiert anstatt sie aufzubrechen, weil der “kleine Unterschied” überbetont sei.
zu 1.: Natürlich muss man den Ist-Zustand zunächst mal reflektieren, bevor man ihn aufbrechen kann. Das Männermanifest beschreibt die Realität, ob sie nun gefällt oder nicht. Dazu gehört auch der “kleine Unterschied”. Und zwar nicht im biologischen, sondern um sozialgeschlechtlichen Sinne. Es geht um Rollenmuster, die durch Erziehung, Sozialisation und gesellschaftliche Rahmenbedingungen faktisch da sind und dabei biologisch weibliche sowie männliche Menschen in mal mehr und mal weniger durchdefinierte Frauen und Männer (-Rollen) einteilen. Diese Rollenzuweisungen können niemals aufgebrochen werden, wenn sie nicht erkannt werden. Dazu dient die Sicht der Autoren auf die Geschlechterealität.
2. Eine andere Kritik bezieht sich auf den Feminismus: Durch Frauenquoten, höhere Bildungsabschlüsse, weniger Pflichten (z.B. Wehrdienst) etc. hätten die Frauen sich sozusagen die Rosinen aus dem Lebenskuchen gepickt. Nun müssten die Männer in ihren Rechten gegen die Übervorteilung durch die Frauen gestärkt werden.
zu 2.: Die Förderung von Frauen, um Geschlechterparität zu erreichen, gibt es noch lange nicht in allen Bereichen und schon gar nicht in aller Konsequenz: Es gibt z.B. Unternehmen, welche die ein oder andere Vorzeigefrau als feministisches Feigenblatt auf einen verantwortungsvollen Posten hieven, aber durch Quoten herbeigeführte Geschlechterparität grundsätzlich ablehnen, weil es “auf die Leistung ankommt” und nicht auf das Geschlecht. Die KritikerInnen des Männermanifestes sehen in der Frauenquote eine Benachteiligung der Männer, weil diese “Leistung bringen müssen”, um in die Chefetagen aufzusteigen und Frauen dies angeblich nicht nötig haben. Aber wer definiert eigentlich was “Leistung” ist und welche Art von Leistung wird tatsächlich gesehen und gewertet? Ist der Posten in der Chefetage auch in der Gesamtbetrachtung attraktiv, oder nur weil die Stelle gut bezahlt wird? Genau diese Fragen wirft das Männermanifest zwischen den Zeilen auf. Darin heißt es nicht, dass Männer die Macht und die Verantwortung (und damit auch die Posten) teilen sollen, um damit Frauen einen Vorteil zu verschaffen, sondern zu Gunsten beider Geschlechter. Der persönliche Nutzen daraus ist individuell. Macht und Verantwortung beinhalten eben nicht nur Privilegien sondern auch Verpflichtungen! Es ist nur gerecht diese Pflichten gleichmäßig zu verteilen – auch mittels einer Frauenquote. Doch eine solche Sicht auf die Dinge gelingt uns nur, wenn wir verantwortungsvolle Aufgaben in Wirtschaft und Politik in ihrem ganzen Ausmaß betrachten nicht nur auf den finanziellen Vorteil reduzieren. Theoretisch sind Frauen durchaus qualifiziert die Hälfte von Macht und Verantwortung inne zu haben. Das belegen die im Durchschnitt besseren Bildungsabschlüsse, welche die KritikerInnen als weibliche Bevorzugung angeführt haben. Jetzt geht es darum diese Qualifikation in die Praxis umzusetzen, um auch Geschlechtergerechtigkeit durch die Verteilung von Lasten auf männliche und weibliche Schultern herzustellen. Gleiche Rechte und geteilte Pflichten – in Familie, Beruf und überall.
3. Das Manifest sei ein Anbiedern an die Frauen, Gleichmacherei der Geschlechter und eine Schuldzuweisung für alles Schlechte an die Männer.
zu 3.: Wenn die Gesellschaft das Leben von Männern und Frauen dadurch verbessern soll, dass sie den Feminismus konsequent zu Ende denkt und beiden Geschlechtern dieselben Rechte und Pflichten in Familie, Beruf und allen anderen Bereichen zugesteht, dann weiß ich nicht was dies mit Anbiederei an die Frauen zu tun haben soll. Ich als Frau (biologisch und sozial) fühle mich vom Text des Männermanifestes weder geschmeichelt noch hofiert. Ich fühle mich in die Verantwortung genommen mit dafür Sorge zu tragen, die festgefahrenen (und allen Leugnungen zum Trotz) immer noch bestehenden sozialgeschlechtlichen Rollenmuster abzustreifen. Das was ich als Mensch dafür tun kann, will ich auch tun. Platte Schuldzuweisungen an Männer für alles Schlechte in dieser Welt kann ich im Text von Sven Lehmann und den anderen Autoren nicht erkennen. Das was von den KritikerInnen als Anschwärzen empfunden wird, dass z.B. die Klima- und die Wirtschaftskrise “männlich” sind, dienen der Beschreibung von gelebten Rollenbildern: In einer männlich dominierten Welt, in der soziokulturelle Geschlechterrollen so definiert sind, wie sie zurzeit definiert sind, kann man die Ursachen für die Krisen umgangsprachlich als “männlich” bezeichnen. Das heißt nicht, dass Männer allein für alles Elend verantwortlich sind. Es gibt auch genug Frauen, die einem männlichen tradierten Rollenbild nacheifern und ebenso dazu beitragen. Und genau das macht deutlich, dass es bei der Rede von “männlichen” Krisen eben nicht um das biologische Geschlecht geht, sondern um das gelebte Rollenbild. Dieses Muster aufbrechen zu wollen hat nichts mit Gleichmacherei zu tun. Weder Frauen noch Männer sollen das jeweils andere Geschlecht kopieren. Dann hätten wir nichts erreicht. Die Gesellschaft wäre immer noch diesselbe, nur mit umgekehrten biologischen Geschlechtern in denselben Rollenbildern. Das Männermanifest spricht im Gegensatz dazu vom “Mensch sein”. Gesellschaft, Beruf, Familie, Hobby, Politik … jeder denkbare Lebensbereich soll allen Menschen gleichermaßen, aber nach individuellen, persönlich definierten Maßstäben offen stehen. Es geht – mal wieder – um Zugang und um einen erweiterten Freiheitsbegriff! Damit Männer und Frauen den Zugang für sich selbst und zu sich selbst als Menschen finden und die Freiheit haben dieses Menschsein nach ihren individuellen Vorstellungen zu gestalten, müssen beide biologischen Geschlechter ihre sozialen Geschlechter loslassen können. In diesem Sinne brauchen wir tatsächlich “neue Männer” – und auch neue Frauen!
Und zum Schluss: Warum haben ausgerechnet Politiker dieses Manifest geschrieben? Nun, zunächst wahrscheinlich, weil sie nicht nur Politiker sondern auch ganz normale Männer sind. Und des Weiteren, weil gesellschaftliche Veränderungen politische Rahmenbedingungen brauchen, um sich entfalten zu können. Was politisch im Einzelnen Umzusetzen ist, darüber sagt das Manifest wenig aus. Doch der Text gibt einige Denkanstöße, um die richtige Politik daraus abzuleiten. Gehen wir es also an – Männer und Frauen gemeinsam!




Ja Irene.
Und: Was die ganze Debatte zur “Leistung” angeht, da staune ich am meisten. Sie wird scheinbar nur dann so merkwürdig geführt, wenn es um die tatsächlich positiv diskriminierende Frauenquote geht. Denn:
Wer glaubt denn im Ernst daran, dass das Erreichen und Hochklettern von Karriereleitern (nur) an Leistung geknüpft ist?
(Dein Punkt 2)
Ich bin gespannt wie sich die Kommentare auf Deiner homepage gestalten, denn Dein Text ist noch deutlicher auf der Sachebene angesiedelt als das Männermanifest, vielleicht einfach deswegen weil er Sekundärliteratur ist ;o) und kein Manifest sein will.
Strukturen können wir nur gemeinsam ändern: biologische Frauen und Männer. Und wenn mir jemand entgegenhalten möchte, dass ich aufgrund meines Geschlechtes in den Brandenburger Landtag einzog -- habe auch ich es schwer mit dem Frauenstatut unserer Partei.
Spannend sind solche Diskussionen: live -- auf jeden Fall!
Allerdings 1.) nicht so offensiv wie im Netz und 2.) wesentlich seltener.
Warum?