Alles für die Tonne?
Heute tagt der Betriebsausschuss Gelsendienste und die Biotonne steht auf der Tagesordnung. Seit gut einem Jahr haben wir in drei Stadtteilen probeweise die Biotonne eingeführt. Die Probephase soll noch einige Monate fortgeführt werden. Nun gibt es im Ausschuss einen Zwischenbericht. Dieser Bericht liest sich alles andere als positiv, wobei die dort gemachten Aussagen durchaus interpretationsfähig sind. Dazu muss man übrigens noch Folgendes wissen: Die Probephase der Biotonne ist eine Geburt der alten Ratskooperation von SPD und Grünen. Die SPD hat sich nicht davon überzeugen lassen, die Biotonne sofort flächendeckend einzuführen, weil u.a. zu hohe Kosten, wenig Akzeptanz in der Bevölkerung und Geruchsbelästigungen befürchtet wurden. Die CDU, die damals in den Gremien gegen die Biotonne gestimmt hat, startete seinerzeit sogar eine breite Gegenkampagne – so groß war die Angst vor Ratten, krabbelnden Maden und üblem Gestank. Die Gelsendienste schienen auch nicht gerade begeistert von der Idee zu sein, beugten sich aber letztlich dem “Willen der Politik”. Zusammengefasst sah es so aus, dass die einzige Partei, die sich für die Einführung der Biotonne stark gemacht und am Ende die probeweise Einführung durchgesetzt hat die Grünen waren.
Nun hat die SPD wieder die absolute Mehrheit und die Rot-Grüne Ratskooperation gibt es nicht mehr. Also ist davon auszugehen, dass SPD, CDU und Gelsendienste das Projekt Biotonne nach Beendigung der Probephase wieder begraben werden, wenn sie nicht zu überzeugen sind. Die Argumente gegen eine flächendeckende Einführung der Biotonne sind haltlos – erst recht nach dem Zwischenbericht! Denn zumindest eine Befürchtung hat die Auswertung des letzten Jahres ganz klar widerlegt: Die Biotonne stinkt nicht, zieht keine Ratten an und über Madenbefall von Haus und Hof wurde auch nicht berichtet. Bleiben noch die vermeintlich hohen Kosten. Meiner Ansicht nach sind eventuell höhere Kosten, die im Falle einer für die NutzerInnen unentgeltlichen Biotonne entstehen könnten, gegen den sich daraus ergebenden Nutzen aufzurechnen. Der Nutzen des Bioabfalls liegt in der Verwertung. Deshalb wäre es auch falsch von “Entsorgung” zu sprechen. Hier wird wertvoller Rohstoff vom eigentlichen Müll getrennt und gesammelt. Und dies wird faktisch von den NutzerInnen der Biotonne selbst geleistet. Die Gelsendienste müssen den Rohstoff nur noch bei den Leuten zu Hause abholen und der Verwertung zuführen, denn die eigentliche Arbeit – Trennung vom Hausmüll, Sammeln im vorgesehenen Gefäß – wurde durch die NutzerInnen bereits erbracht.
Und hier offenbart sich auch die Schwäche in der öffentlichen Interpretation des Zwischenberichts: Die aufgezeigten “grundsätzlichen Probleme” haben nämlich nichts mit einem angeblichen Fehlverhalten der NutzerInnen zu tun, sondern zeigen auf, dass die derzeitige Verwertung weder praktikabel noch besonders zielführend ist. Bisher wird der Inhalt der Biotonne in einer Kompostierungsanlage verwertet. Jetzt wissen alle, die einen Garten haben, dass auf dem Kompost längst nicht alles landen darf, was organisch ist. Gekochte Lebensmittel, Fleischreste, Fertigprodukte etc. eignen sich dafür nicht. Auch die Durchmischung der ungekochten Bioabfälle ist entscheidend für die spätere Qualität der Komposterde. Deshalb ist es aus Sicht der Gelsendienste natürlich ein Problem, dass die meisten NutzerInnen hauptsächlich ihren Gartengrünschnitt in die Biotonne geben und der Anteil der “guten” Küchenabfälle im Verhältnis eher gering ausfällt.
Deutliche Vorteile hingegen hätte die Verwertung des Bioabfalls in einer Biogasanlage. Erstens kann eine Biogasanlage so ziemlich alles, was vorher auf unseren Tellern war (sogar die kalte Pizza vom Vortag), Katzenstreu und Gartenabfälle aller Art aufnehmen. Zweitens erzeugt eine Biogasanlage nicht bloß Blumenerde, sondern wertvolle Energie in Form von Strom und Wärme. Drittens könnten die Gelsendienste für die Abgabe des Bioabfalls – ähnlich wie beim Altpapier und je nach Vereinbarung – noch Geld verlangen und damit die Kosten der Biotonne insgesamt begrenzen. Von der Reduzierung der Restmüllmenge ganz zu Schweigen.
Die Einführung der Biotonne ist noch kein Wert an sich. Es kommt auf die sinnvolle Verwendung des gesammelten Inhalts an. Und darin liegt der eigentlich Nutzung der Biotonne. Zurzeit diskutieren wir die Zukunft der Gelsenkirchener Energieversorgung. Wir haben sogar eine Fachfirma damit beauftragt, die Erzeugungspotentiale im Bereich der erneuerbaren Energien in Gelsenkirchen zu ermitteln. Dabei die potentiellen Rohstoffmengen aus der Biotonne nicht zu berücksichtigen, wäre im Sinne regenerativer Energieerzeugung vollkommen töricht.
Die Erprobungsphase der Biotonne dauert noch einige Monate an. Danach erfolgt die abschließende Auswertung. Nach den Erkenntnissen des Zwischenberichts gilt es nun die richtigen Konsequenzen zu ziehen und eine andere Form der Verwertung zu probieren – in einer Biogasanlage. Ich bin mir sicher, dass dann die Ergebnisse des Abschlussberichts einige ZweiflerInnen überraschen werden. Burkhard Wüllscheid, Grüner Vertreter im Betriebsausschuss Gelsendienste, wird sich jedenfalls dafür einsetzen, dass die Probephase der Biotonne nicht “für die Tonne” war und das Projekt doch noch zum Erfolg geführt wird
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