Gestern Abend waren Robert Zion und ich beim „Evangelischen Gesellen- und Meisterverein Buer-Erle“ eingeladen. Der Verein macht sich traditionell vor den Wahlen ein Bild von den antretenden Parteien und lädt VertreterInnen ins Gemeindehaus der Dreifaltigkeitskirche. Robert hielt einen Vortrag zur anstehenden Bundestagswahl und berichtete aus den Inhalten unseres Wahlprogramms. Dabei erklärte er unsere Forderung nach einem „Green New Deal“ ausführlich. Die anwesenden Damen und Herren im Rentenalter hörten geduldig und sehr interessiert zu. Die meisten waren gut über die Themen Wirtschaftskrise und Globalisierung informiert. Schnell waren sie sich einig, dass nur ein echtes Umsteuern noch dazu beitragen kann, die Krise nachhaltig zu bewältigen. Insofern erhielt der „Green New Deal“ auch breite Zustimmung.

Im Anschluss stiegen wir dann in die Tiefen der Kommunalpolitik ein. Dazu hatte ich einen kurzen Vortrag über die Situation in der Stadt vorbereitet, um anhand dieser Beschreibung unser Kommunalwahlprogramm vorzustellen. Doch schon bei der Schilderung, dass der Klimawandel auch Gelsenkirchen erreichen wird und wir deshalb besonders sorgsam mit natürlichen Ausgleichsmechanismen, wie z.B. Frischluftschneisen, umgehen müssen, kam der erste Widerspruch: Gelsenkirchen sein doch voll von Grünanlagen und umringt von Bauernhöfen. Da käme genug frische Luft in die Stadt. Nun, ich habe versucht zu verdeutlichen, dass wir hier über relativ komplizierte Vorgänge, wie Kaltluftströmungen usw. reden, die eben auch Frischluftschneisen genannt werden. Davon gibt es in Gelsenkirchen ja nur noch zwei: Eine in Hessler und eine weitere nördlich der BP Raffinerie in Scholven. Sollte also die beschlossene BP Norderweiterung tatsächlich stattfinden, verlieren wir die dortige Frischluftschneise als wichtige Ausgleichsfunktion für den Stadtnorden. Doch so recht sollte ich mit meinen Ausführungen nicht durchdringen. Schließlich wurde in Sachen BP das Arbeitsplatzargument ins Feld geführt. Aber da waren die Argumente dann doch wieder auf meiner Seite als ich entgegnete, dass BP nach dem Norderweiterungsbeschluss erstmal über 300 Stellen abgebaut hat. Von Arbeitsplatzsicherung oder Schaffung könne hier also keine Rede  sein. Das leuchtete ein.

Doch schnell erhitzten sich die Gemüter an einem völlig anderem Thema. Als ich nach dem ersten Intermezzo meine Situationsbeschreibung mit der Bildungspolitik fortsetzte, kam die Nachfrage, wie viele von den Kindern ohne Schulabschluss denn einen Migrationshintergrund hätten. Dass ich die Zahl nicht genau benennen konnte spielte hier keine Rolle. Schnell erhoben sich Stimmen, dass die von mir angesprochenen Forderungen nach Sprachförderung im Kita-Alter, Vernetzung der Bildungsabschnitte, Einbeziehung der Eltern und Schule für Alle überhaupt keinen Sinn machen. Migranten-Familien wollten nicht integriert werden und die Eltern hätten gar kein Interesse an der Bildung ihrer Kinder. MigrantInnen wurden von einigen generell als unwillig und nicht integrierbar angesehen. Man brauche die vorhandenen Angebote nicht verbessern, weil sie ohnehin nicht angenommen würden. Mein Hinweis, dass weniger der Migrationshintergrund bei der Bildungskarriere eine Rolle spiele, sondern in erster Linie die soziale Herkunft, half wenig. Schließlich seien die meisten MigrantInnen für ihre Situation selbst verantwortlich.

Aber die augenscheinliche Voreingenommenheit gegenüber MigrantInnen allgemein entpuppte sich bald als Vorbehalt gegenüber Muslimen. Denn nachdem ich erwähnte, dass ich selbst einen ungarisch-kroatischen Migrantionshintergrund habe, stellte einer der Wortführer fest, dass ich als Osteuropäerin aber Christin sei und die Sachlage bei mir deshalb eine völlig andere sei als bei Muslimen. Ich habe versucht meine Argumentation auf Aspekte wie Toleranz und Akzeptanz auszurichten und erklärte, dass wir die MigrantInnen nicht einfach abschreiben oder ausgrenzen dürfen, sondern dafür Sorge zu tragen haben, dass sie dieselben Chancen wie alle anderen erhalten. Nach einigen lauten Zwischenrufen, intervenierte der Versammlungsleiter Herr Mühlberg und bat darum das Thema Migration vorerst nicht weiter zu vertiefen.

Von meinem vorbereiteten Vortrag hatte ich mich inzwischen längst verabschiedet und wandte mich gleich den Themen Energiepolitik und Rekommunalisierung zu. Hier waren wir uns schnell einig, dass wir die Chance, die sich mit Auslaufen der ELE-Verträge bietet, nicht ungenutzt verstreichen lassen dürfen. Beim Thema erneuerbare Energien, ja sogar in der Ablehnung der Kohle-Verstromung, fanden wir alle wieder zueinander. So nahm der Abend doch noch ein versöhnliches Ende.

Im Anschluss unterhielten wir uns noch eine Weile mit Herrn Mühlberg. Ihm liegt die Bildungspolitik sehr am Herzen und er bedauerte, dass dieses Thema in der Diskussion derartig entglitt. Doch die heftige Diskussion um die mangelnde Integration von Muslimen hat mir gezeigt, dass Tendenzen von Intertoleranz überall zu finden sind. Hier zu Pauschalisieren und sich nicht auf die Diskussion einzulassen wäre meiner Ansicht nach falsch. Hier ist Aufklärung angesagt. Ich sehe es als dringende Aufgabe der Politik an, hier nicht die Augen zu verschließen. Wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass Vorurteile gegenüber MigrantInnen und insbesondere gegenüber Muslimen in nahezu jeder gesellschaftlichen Gruppe zu finden sind. Egal ob diese Gruppen grundsätzlich demokratisch und offen eingestellt sind. Diesen Vorurteilen müssen wir bei jedem Anlass entschieden entgegentreten und den Dialog zwischen MigrantInnen und Deutschen bzw. zwischen Muslimen und Christen fördern.